Notruf für Senioren: Selbstständig leben ohne permanente Überwachung
Ich möchte niemandem zur Last fallen
Vor ein paar Tagen bekam ich eine Mail von einem Kollegen. Seine Großmutter ist in letzter Zeit häufiger gestürzt. Bisher ist zum Glück nichts wirklich Schlimmes passiert, aber offenbar oft genug, dass sie selbst zu dem Schluss gekommen ist: Jetzt brauche ich einen Notrufknopf.
Das Interessante an der Geschichte ist, dass nicht die Kinder oder Enkel beschlossen haben, die Großmutter müsse nun besser überwacht werden. Sie selbst hat sich auf die Suche nach einer Lösung gemacht. Sie hat sich im Bekanntenkreis umgehört, Erfahrungen gesammelt und schließlich bei den Maltesern und Johannitern angerufen und sich Informationsmaterial schicken lassen.
Mein Kollege hat sich anschließend mit ihr hingesetzt und darüber gesprochen, was sie eigentlich möchte. Und dabei stellte sich heraus, dass es gar nicht so sehr um einen Notrufknopf geht. Es geht um etwas viel Grundsätzlicheres: Sie möchte weiterhin selbstständig leben und vor allem möchte sie ihrer Familie nicht zur Last fallen.
Monatliche Kosten für einen professionellen Notrufdienst wären für sie deshalb völlig in Ordnung. Wenn im Ernstfall jemand erreichbar ist und sich kümmert, bezahlt sie dafür gerne. Was sie dagegen überhaupt nicht möchte, ist eine permanente Überwachung. Sie möchte nicht, dass ihre Kinder oder Enkel jederzeit auf ihrem Smartphone nachsehen können, wo Oma gerade ist.
Das ist sehr interessant, denn über diesen Punkt sprechen wir bei technischen Assistenzsystemen für ältere Menschen viel zu wenig. Nur weil jemand 80 oder 90 Jahre alt ist und vielleicht gelegentlich Hilfe benötigt, verschwindet ja nicht plötzlich das Bedürfnis nach Privatsphäre. Vielleicht wird es sogar wichtiger, weil man ohnehin schon merkt, dass andere Menschen zunehmend Dinge für einen entscheiden wollen.
Das Smartphone liegt auf der Fensterbank
Im Laufe des Gesprächs kam mein Kollege mit seiner Großmutter auf eine weitere Frage: Wo braucht sie diese Sicherheit eigentlich? Natürlich in der Wohnung. Aber sie ist auch sehr gerne in ihrem Garten und dort häufig allein. Das Smartphone nimmt sie dabei nicht mit. Es liegt meistens auf der Fensterbank.
Das klingt zunächst wie eine Nebensächlichkeit, beschreibt aber ziemlich gut das Problem vieler Notruflösungen. Wir denken bei Sicherheit häufig vom Gerät aus. Die Großmutter denkt dagegen von ihrem Alltag aus. Sie geht in den Garten, macht dort ihre Sachen und möchte dafür nicht erst überlegen müssen, welche Technik sie heute mitnehmen muss.
Und natürlich kann sie auch im Garten stolpern. Sie kann beim Schneiden der Pflanzen das Gleichgewicht verlieren, über eine Kante fallen oder ihr wird plötzlich schwindelig. Dann liegt das Smartphone vielleicht nur dreißig Meter entfernt auf der Fensterbank. Diese dreißig Meter können in diesem Moment allerdings eine ziemlich große Entfernung sein.
Mein Kollege stellte noch eine andere, erstaunlich praktische Frage: Wo trägt seine Großmutter eigentlich den Notrufknopf? Viele Kleidungsstücke von Frauen haben keine brauchbaren Taschen. Am Handgelenk befindet sich vielleicht schon eine Uhr oder Smartwatch. Bleibt der Hals. Seine Großmutter könnte sich durchaus vorstellen, einen Notrufknopf unter der Kleidung zu tragen. Nur kommt sie dort nach einem Sturz noch heran? Und was passiert, wenn sie bewusstlos ist?
Spätestens an diesem Punkt wird deutlich, warum ein einzelner Knopf das Problem nicht vollständig lösen kann.
Ein Notruf funktioniert nur, wenn jemand ihn auslöst
Der klassische Hausnotruf hat einen großen Vorteil: Er ist einfach zu verstehen. Es passiert etwas, der Mensch drückt einen Knopf und Hilfe wird organisiert. Seit Jahrzehnten funktioniert dieses Prinzip und für viele Menschen ist es genau die richtige Lösung.
Es hat allerdings eine Voraussetzung. Der Mensch muss noch in der Lage sein, den Knopf zu betätigen.
Genau darüber denken wir bei ellio schon länger nach. Denn eigentlich gibt es zwei völlig unterschiedliche Situationen, die wir gerne in einen Topf werfen. Da ist auf der einen Seite der Mensch, der merkt, dass er jetzt Hilfe benötigt. Und auf der anderen Seite gibt es den Menschen, der gerade nicht mehr selbst reagieren kann.
Für die erste Situation haben wir ellio.help entwickelt. Die Großmutter kann das kleine Gerät mitnehmen, wenn sie unterwegs ist. Passiert etwas und sie benötigt Hilfe, löst sie selbst den Notruf aus. Ihre Angehörigen werden informiert und erhalten gleichzeitig ihre aktuelle Position.
Die Familie kann nicht den ganzen Nachmittag verfolgen, wo die Großmutter spazieren geht. Es entsteht kein permanentes Bewegungsprofil. Erst wenn sie selbst entscheidet, dass sie Hilfe braucht, wird ihre Position übertragen. Das entspricht ziemlich genau dem Wunsch, den sie gegenüber ihrem Enkel formuliert hat: Sicherheit möchte sie haben, überwacht werden möchte sie nicht.
Zu Hause stellt sich die Situation anders dar. Wenn ein Mensch nach einem Sturz bewusstlos ist oder nicht mehr selbstständig handeln kann, nützt ihm der schönste Notrufknopf wenig. Hier setzt ellio.base an. Das Gerät erkennt über seine Sensoren, ob in der Wohnung der normale Alltag stattfindet. Bleibt die übliche Aktivität über einen ungewöhnlich langen Zeitraum aus, können die Angehörigen darauf aufmerksam gemacht werden.
ellio.base behauptet dabei nicht, einen Sturz erkannt zu haben, wenn es das nicht weiß. Die Information lautet im Grunde nur: Hier ist etwas anders als sonst. Bitte schau nach.
Das klingt unspektakulär. Vielleicht ist aber genau das die wichtigere Information.
Die schwierigste Frage beginnt erst nach dem Alarm
Die Mail meines Kollegen hat allerdings noch einen Punkt aufgeworfen, über den wir bei der Entwicklung technischer Notrufsysteme sehr genau nachdenken müssen. Was passiert, nachdem ein Alarm ausgelöst wurde?
Wenn die Tochter 300 Kilometer entfernt wohnt, kann sie nicht mal eben in den Garten gehen und nach ihrer Mutter sehen. Vielleicht sitzt sie gerade im Auto. Vielleicht ist ihr Smartphone lautlos gestellt. Vielleicht steckt der Enkel in einer Besprechung und bemerkt die Push-Nachricht erst zwanzig Minuten später.
Damit kommen wir zu einer Stärke der klassischen Hausnotrufanbieter zurück. Hinter dem Knopf steht dort nicht nur Technik, sondern eine Organisation. Im Ernstfall gibt es einen Ansprechpartner, der den Alarm entgegennimmt, die Situation bewertet und gegebenenfalls weitere Hilfe organisiert.
Vielleicht ist es deshalb falsch, moderne Assistenzsysteme und den klassischen Hausnotruf als Gegensätze zu betrachten.
Die interessantere Frage lautet, wie sich beide Welten miteinander verbinden lassen.
Wir können heute mit Sensoren feststellen, dass in einer Wohnung etwas ungewöhnlich ist, ohne dort Kameras zu installieren. Wir können einem Menschen für unterwegs ein kleines Gerät mitgeben, das erst im Notfall seine GPS-Position überträgt. Und wir können über Mobilfunk dafür sorgen, dass diese Information nahezu überall ankommt. Was danach geschieht, muss aber genauso zuverlässig gelöst sein.
Vielleicht gehört zu einem wirklich guten Notrufsystem deshalb am Ende doch ein Mensch.
Es geht genau genommen gar nicht um Technik.
Je länger ich über die Geschichte der Großmutter meines Kollegen nachdenke, desto weniger erscheint sie mir als technische Aufgabe.
Die Frau möchte keinen besonders intelligenten Sensor. Sie interessiert sich vermutlich auch nicht dafür, welche Funktechnologie wir einsetzen und wie unser GPS funktioniert. Sie möchte ihren Garten weiterhin allein genießen können. Sie möchte ihre Familie nicht jeden Morgen anrufen müssen, um mitzuteilen, dass alles in Ordnung ist. Sie möchte auch nicht, dass ihre Kinder aus Sorge anfangen, ihren Standort zu verfolgen. Am liebsten möchte sie einfach ihr Leben selbstständig weiterleben.
Nur ist ihr inzwischen bewusst geworden, dass sie wieder stürzen könnte. Und für diesen einen Moment möchte sie vorbereitet sein.
Die beste Lösung ist wahrscheinlich die, die die Großmutter nach ein paar Tagen überhaupt nicht mehr bemerkt. Nur wenn sie die Technik benötigt, soll sie sicher da sein.
Denn selbstständig zu leben bedeutet nicht, auf Hilfe verzichten zu müssen. Es bedeutet, selbst entscheiden zu können, wann man sie braucht.
Sicherheit, die mitgeht.
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