Ein kleiner Anker auf dem Weg zurück in die Selbstständigkeit
Für viele Menschen ist es selbstverständlich, die Wohnung zu verlassen. Man geht einkaufen, fährt mit dem Bus in die Stadt oder läuft am Nachmittag eine Runde durch den Park. Man denkt nicht darüber nach.
Für Menschen nach einer schweren psychischen Erkrankung, einer Psychose oder im Zusammenhang mit einer Suchterkrankung kann genau dieser Schritt jedoch eine erhebliche Hürde darstellen. Nach längeren Erkrankungsphasen geht es deshalb häufig nicht nur darum, medizinisch stabil zu werden. Es geht auch darum, den Alltag und die eigene Selbstständigkeit wiederzugewinnen.
Die aktuelle S3-Leitlinie „Psychosoziale Therapien bei schweren psychischen Erkrankungen“ beschreibt persönliche Recovery, Selbstbestimmung und gesellschaftliche Teilhabe ausdrücklich als wesentliche Ziele psychosozialer Unterstützung. Die Leitlinie betont dabei auch die Bedeutung von Autonomie und Begleitung.
Auch die WHO verfolgt mit ihren Empfehlungen für gemeindenahe psychiatrische Angebote diesen Ansatz. Psychische Gesundheitsversorgung soll personenzentriert sein und Menschen dabei unterstützen, wieder am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Dazu gehören ausdrücklich auch Unterstützungsangebote außerhalb stationärer Einrichtungen und im alltäglichen Lebensumfeld.
S3-Leitlinie Psychosoziale Therapien bei schweren psychischen Erkrankungen
Vom begleiteten Spaziergang zum ersten Weg allein
Wir arbeiten inzwischen mit Einrichtungen zusammen, in denen Menschen in betreuten Wohngemeinschaften leben. Sozialarbeiter begleiten sie auf ihrem Weg zurück in einen möglichst selbstständigen Alltag. Dabei haben wir einen interessanten Anwendungsfall für ellio.help eingeführt.
Manche Bewohner haben Schwierigkeiten, sich allein im öffentlichen Raum zu bewegen. Der Weg zurück zur Selbstständigkeit erfolgt dann nicht von heute auf morgen, sondern Schritt für Schritt. Zunächst geht der Betreuer vielleicht mit vor die Tür. Später läuft man gemeinsam zum Supermarkt. Eines Tages geht der Bewohner die ersten hundert Meter allein. Und schließlich kommt der Tag, an dem er selbstständig einkaufen oder spazieren gehen möchte.
Für den Betroffenen kann dieser eigentlich alltägliche Weg ein großer Schritt sein. Und genau an dieser Stelle ist ellio.help sehr hilfreich.
Nicht überwachen, sondern Sicherheit im Hintergrund geben
Der entscheidende Punkt ist, dass der Betreuer nicht ständig wissen muss, wo sich der Bewohner befindet. Im Gegenteil: Wenn das Ziel Selbstständigkeit ist, wäre eine permanente GPS-Ortung möglicherweise sogar widersprüchlich. Der Mensch soll schließlich lernen, seinen Alltag wieder eigenständig zu gestalten.
ellio.help bleibt deshalb im Hintergrund.
Der Bewohner nimmt das kleine Gerät mit und geht allein los. Sein Weg wird dabei nicht permanent für die Betreuer sichtbar gemacht. Er kann selbst entscheiden, wohin er geht und wie lange er unterwegs sein möchte. Solange alles in Ordnung ist, passiert nichts.
Erst wenn der Bewohner selbst merkt, dass er Unterstützung benötigt, kann er an der Auslöseschlaufe von ellio.help ziehen.
Dann werden die vorher festgelegten Ansprechpartner informiert und die aktuelle Position kann mit dem Hilferuf übermittelt werden. Der Betreuer weiß damit nicht nur, dass Unterstützung benötigt wird, sondern auch, wo sich die betreffende Person befindet.
Hilfe muss nicht immer Rettungsdienst bedeuten
Gerade bei diesem Anwendungsfall ist die Unterscheidung zwischen einem medizinischen Notruf und einem Hilferuf wichtig. Möglicherweise steht der Bewohner oder Klient irgendwo in der Stadt und merkt, dass ihn die Situation gerade überfordert. Vielleicht fühlt er sich unsicher und kann den Weg zurück nicht mehr allein bewältigen.
Dann muss nicht automatisch ein Rettungswagen kommen. Oft reicht es, wenn eine vertraute Betreuungsperson anruft oder sich auf den Weg zu ihm macht.
Das ist auch der Grund, warum wir ellio.help in diesem Zusammenhang bewusst nicht als therapeutisches System verstehen. Das Gerät diagnostiziert keine psychische Krise, erkennt keine Angststörung und beurteilt auch nicht den Gesundheitszustand eines Menschen.
ellio.help ist kein Medizinprodukt.
Es stellt zunächst lediglich eine technische Verbindung zwischen einem Menschen, der bewusst Unterstützung anfordert, und vorher festgelegten Ansprechpartnern her.
Der interessante Effekt entsteht möglicherweise schon vorher
Bei Gesprächen mit den Mitarbeitern der Einrichtung wurde für uns aber noch etwas anderes interessant. Vielleicht liegt der eigentliche Nutzen gar nicht nur in dem Moment, in dem ellio.help tatsächlich ausgelöst wird. Schon das Wissen, Hilfe anfordern zu können, kann für den Menschen im Alltag relevant sein.
Der Bewohner geht zum ersten Mal allein los und weiß: Wenn ich nicht weiter weiß, habe ich eine einfache Möglichkeit, meinen Betreuer zu erreichen. Damit wird ellio.help zu einer Art technischem Anker.
Nicht, damit der Betreuer den Bewohner festhält. Sondern damit er ihn ein Stück weiter loslassen kann.
Dieser Gedanke passt zu einem Recovery-orientierten Verständnis psychosozialer Versorgung, bei dem Selbstbestimmung und gesellschaftliche Teilhabe eine zentrale Rolle spielen. Die DGPPN weist darauf hin, dass gerade Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen weiterhin in besonderem Maße von sozialer Exklusion betroffen sind.
Technik sollte Selbstständigkeit ermöglichen
Wir stehen bei diesem Anwendungsfall noch am Anfang und möchten gemeinsam mit den beteiligten Einrichtungen Erfahrungen sammeln. Denn letztlich müssen die Fachkräfte entscheiden, für welche Menschen ein solches Angebot sinnvoll ist und wie es in bestehende Betreuungskonzepte eingebunden werden kann. Die Grundidee gefällt uns trotzdem sehr.
Ein Mensch soll nicht deshalb in der Wohnung bleiben müssen, weil er Angst davor hat, draußen möglicherweise nicht allein zurechtzukommen. Und ein Betreuer sollte ihn nicht durchgehend begleiten müssen, wenn er eigentlich bereit ist, den nächsten Schritt allein zu versuchen.
Dazwischen kann es einen kleinen technischen Anker geben.
ellio.help begleitet den Menschen nicht. Aber es gibt ihm die Möglichkeit, seine Begleitung zurückzurufen, wenn er sie wirklich braucht.
Hinweis: ellio.help ist kein Medizinprodukt und dient nicht der Diagnose, Behandlung oder Überwachung psychischer Erkrankungen. Der beschriebene Einsatz versteht sich als ergänzende technische Unterstützung innerhalb eines fachlich begleiteten Betreuungs- bzw. Teilhabekonzepts.
Sicherheit, die mitgeht.
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